Das Dorf Weseke Mitte des 18. Jahrhunderts

Teil 1

Frank Geradts aus Drachten in den Niederlanden hat im Heimatblatt Nr. 68 einen Beitrag über die Familie Enning gelesen und sich bei uns gemeldet, da er ein Nachkomme des Faber Lingarius (Tischler) Berndt Henricus Geradts sei. Dieser habe im 18. Jh. in Weseke gelebt und war ab 1741 mit Anna Margaretha Enning verheiratet. Anna  Margaretha Aleidt Enning war eine Tochter des Taverneninhabers (Wirt) und Webers Berndt Enning und seiner Frau Christina Fuest. Ihr Sohn Joan Hermann Joseph hatte Weseke 1775 verlassen. Er ging nach Amsterdam, um dort sein Glück zu suchen. Herr Gerardts hatte Kenntnis erhalten von der Existenz eines „Status Animarum“, wie die Bestandsaufnahme der Bevölkerung des Dorfes Weseke aus dem Jahre 1749 genannt worden war, und sich aus familiärem Interesse dann intensiv mit dem Inhalt beschäftigt.
Wir freuen uns über das Angebot, die Ergebnisse seiner umfassenden Analyse in den Weseker Heimatblättern zu veröffentlichen und wollen versuchen, wo immer möglich, Bezüge zu Entwicklung und aktuellem Status der Weseker Bevölkerung herzustellen. Allerdings können wir nicht auf Statistiken zurückgreifen, die allein Weseke betreffen, sondern müssen den größeren Rahmen der Stadt Borken bzw. Auswertungen des Bundes als uns zugängliche Vergleichsmaßstäbe nehmen.

Die Bevölkerung von Weseke im Jahre 1749
Wie Menschen vor 270 Jahren in Weseke lebten und arbeiteten

In Weseke fand im Jahr 1749 eine Bestandsaufnahme der Bevölkerung, der sogenannte Status Animarum, statt. Auf Gen-Wiki findet man die folgende Erläuterung: „Am 3. Oktober 1749 befahl Fürstbischof Clemens August, streng gegen einen Missstand vorzugehen: das Zusammenleben nicht verheirateter oder verlobter Personen vor der (kirchlichen) Trauung. Auf der Synode des Bistums Münster wurde dazu beschlossen, ein Verzeichnis der Seelen (Status Animarum) aufzustellen. Aus diesem sollte u.a. zu ersehen sein, wer mit wem zusammenlebt. Ortspfarrer, die dieses als mühevolle, aufwendige Arbeit erkannten und den Aufwand nicht für gerechtfertigt hielten, wollten die Listen größenteils nicht erstellen. Hieraufhin wurde am 3. Januar 1750 nochmals per Erlass die Aufstellung der Verzeichnisse verlangt und den Pfarrern Ruhe geboten. Jetzt erst machten sich die Pfarrer an die Arbeit und schrieben das gewünschte Verzeichnis“. Der Status Animarum von Weseke beginnt mit: „In sequentibus aedibus sequentes persona habitant“. Es scheint also, dass die Zählung nach einer bestimmten Route der Häuser durchgeführt wurde. Um welche Route es sich jedoch gehandelt hat, ist nicht deutlich. Oben auf Seite 1 wurde als erstes Haus „Aedibus Beijering“ erwähnt. Jedoch wurde „Domo Lappers“, oben rechts in der Ecke, (es scheint sich um eine Korrektur zu handeln) hinzugefügt. Möglicherweise, um die gewünschte Reihenfolge der Häuser nicht von Anfang an zu unterbrechen. Es ging um den Hauptbewohner Bernardus Henricus Gerardts (faber lignarius = Tischler) mit seiner Frau Anna Margaretha Aleidt Enninck seinen Kindern und zwei weiteren Familien (incola = Mitbewohner): Tenhagen und Rademakers. Auf den Seiten 1 bis 7 werden alle Bewohner erwähnt, die „In Pago“ (innerorts) lebten und in der Mitte von Seite 7 wird dies mit den Bewohnern „Extra Pagum“ (außerorts) fortgesetzt. Auch hier wird wieder erwähnt: „Extra pachum in parochia in sequentibus aedibus sequentes personae commorantz“.

Fig 1. Erster Teil von Seite 1 des Status Animarum 1749

Der Status Animarum 1749, also einer Liste der 1207 Einwohner, besteht aus 21 Seiten. Von diesen Bewohnern ist der Vorname, aber nicht immer der Nachname angegeben. Immer angegeben sind jedoch das Alter, der Familienstand und die Familienzusammensetzung. Darüber hinaus der Beruf, der bei Landwirten oft nicht erwähnt wird, und manchmal auch der soziale Status, wie beispielsweise pauper (mittellos). Die Zählung wurde Haus für Haus durchgeführt und es wurden sowohl der Name des Eigentümers als auch die Art der Unterkunft verzeichnet. Insgesamt wurden 174 Häuser mit 260 verschiedenen Familiennamen registriert. Auf der letzten Seite des Status Animarum sind die Namen der 43 in 1749 getauften Kinder und 15 Ehen verzeichnet. Angesichts der unterschiedlichen Handschriften wurde die Bestandsaufnahme wahrscheinlich von zwei Beamten durchgeführt. Eine Analyse der Daten aus dem Status Animarum verschafft einen guten „Einblick“ in die Bevölkerung von Weseke anno 1749 und stellt die Uhr in diesem Jahr genau 270 Jahre zurück, wodurch das interessante Ergebnis weiter unten entstand: ein Stück Mikrogeschichte von Weseke.

Ausarbeitung des Status Animarum 1749

Die im Status aufgeführten Familien- und Vornamen entsprechen nicht immer der aktuellen Schreibweise. Die Unterscheidung zwischen „In Pago“ und „Ex Pago“ ist in den Tabellen mit „Innerorts“ und „Außerorts“ dargestellt. Die Texte des Status Animarum waren nicht immer leicht zu lesen, die Handschrift lässt ziemlich viel zu wünschen übrig und auch die schlechte Qualität der Kopie hat sein Übriges dazu beigetragen. Es ist daher nicht auszuschließen, dass sich trotz wiederholtem Lesen und manchmal „Rätseln“ Fehler oder Unvollständigkeiten in die Ausarbeitung eingeschlichen haben, die dann mit der besten „Vermutung“ gelöst wurden.
Seit Juli 2019 ist ein besser lesbares Dokument im Internet verfügbar: http://data.matricula-online.eu/de/deutschland/muenster/status-animarum/

Einwohnerzahl und Alter
Die Einwohnerzahl betrug im Jahr 1749: 1207, davon 383 (32%) „Innerorts“ und 824 (68%) „Außerorts“. Das Gesamtverhältnis zwischen Männern und Frauen betrug in Weseke 49% zu 50%. Innerorts gab es sogar 31 mehr Frauen als Männer: 207 zu 176. Prozentual entspricht dies einem Verhältnis von Männern zu Frauen von 46% zu 54%. Außerorts war das Verhältnis von Mann zu Frau fast gleich, nämlich 411 zu 413:
Nach Angaben der Stadt Borken (https://www.borken.de/stadtleben/stadtportrait/daten-zahlenfakten/bevoelkerung/tabelle-bevoelkerung.html) lebten im November 2019 in Weseke 5050 Menschen in 1629 Haushalten, wobei ein durchschnittlicher Haushalt mit 3,1 Personen berechnet wird. Das Gesamtverhältnis zwischen Männern und Frauen hat sich mit 49,2% zu 50,8% nur unwesentlich verändert.

Von den 1207 Einwohnern sind 432 (36%) verheiratet. Dieser Prozentsatz gilt sowohl für „Innerorts“ als auch „Außerorts“. Die Anzahl der Witwen/Witwer betrug insgesamt 62 (5%),„Innerorts“ 7% höher als „Außerorts“, nämlich 4,2%. Insgesamt gab es 2,3-mal so viele Witwen (43) wie Witwer (19). „Innerorts“ war dies mit 20 zu 7 sogar dreimal so hoch. In der Gruppe der Ledigen war das Verhältnis von Mann zu Frau fast gleich, nämlich 354 zu 359.
Das Durchschnittsalter aller 1207 Einwohner betrug 28,4 Jahre mit einem Unterschied von 1,5 Jahren zwischen Frauen 29,2 Jahren und Männern 27,7 Jahren (in Deutschland liegt der Durchschnitt heutzutage bei: 45 Jahren).
Das Durchschnittsalter der Ledigen betrug 20,3 Jahre und der Verheirateten 43,1 Jahre.
Witwer wurden durchschnittlich 10 Jahre älter als Witwen nämlich 68,4 Jahre, die durchschnittlich nur 58,2 Jahre alt wurden.

Gem. Zensus 2011 waren in Borken 47,6% der 41614 Einwohner verheiratet (49,3% der Männer und 50,7% der Frauen; ledig waren 40% der Bürger (54,2% Männer und 45,8% Frauen). Verwitwet waren 6,6% (15,6% Männer; 84,7% Frauen); es gab 6-mal so viele Witwen (2320) wie Witwer (430).
Das Durchschnittsalter der Einwohner in Borken lag bei 43,6 Jahren.

Die ältesten Einwohner „Innerorts“ waren Martha Thier (90), die in „Aedibus Verschuen“ lebte, und Zimmermann Henricus Thier (89), der in „Aedibus Henrici Thier“ lebte. „Außerorts“ waren die ältesten Einwohner die Eheleute Elisabetha Lensing (98) und Andreas Lensing (95), beide wohnhaft in „Domo Coloni Lensing“.
Die Altersgruppe bis 39 Jahre hatte vor 270 Jahren einen Anteil von rd. 69% gegenüber rd. 45% beim Zensus 2011. Die 40 bis 49-jährigen kamen damals auf rd. 9%; mit 17,5% fast doppelt so vielen zeigt sich heute die Alterung der Gesellschaft. 50 bis 79-jährige waren 1749 mit rd. 18% vertreten gegenüber rd. 30% im Altersband von 50 bis 74 im Jahre 2011. 80 bis 99-jährige Weseker entsprachen gerade mal auf 1%, während die über 75-jährigen Borkener heute mit rd. 8,5% in der Bevölkerung vertreten sind.

Beim Vergleich fällt auf, dass Heirat unter 20 Jahren damals wie heute die Ausnahme war und die größten Ähnlichkeiten im Altersband von 40 bis 69 Jahren festzustellen sind. In der Gruppe der 90-Jährigen haben die drei ältesten Weseker des Jahres 1749 wegen der kleinen Zahl für die Statistik keine Aussagekraft gegenüber der fast 100-fach größeren Gruppe aus 2011, die immerhin noch auf rd. 13% Anteil kommt. Das mittlere Heiratsalter in Deutschland lag im 18. Jh. zwischen 25 und 26 Jahren bei Frauen und um 28 Jahre bei Männern. Laut Statistischem BA war das durchschnittliche Heiratsalter Lediger im Jahr 2018 bei 34,6 Jahren für Männer und 32,1 Jahren für Frauen.
Allgemein ist also ein Ansteigen des Heiratsalters bei zunehmender Lebenserwartung festzustellen.

Im Borkener Zensus von 2011 wurden 6,5% verwitwete Männer und Frauen gezählt.
Im Altersband von 18-29 Jahren waren nur 0,2% betroffen, zwischen 30 und 49 Jahren stieg der Anteil auf 4,3% (19,4% damals) und verdreifachte sich bei den 50-65 Jährigen auf 13% (40,3%).
Die 65 Jahre und mehr zählende Gruppe lag dann bei 81,6% (38,7%). Eine Unterscheidung nach Geschlecht wurde nicht vorgenommen.

Der durchschnittliche Altersunterschied zwischen verheirateten Männern und Frauen betrug 2,8 Jahre.
Es gab jedoch erhebliche Unterschiede: ein Mann, der 23 Jahre älter war als die Frau, aber auch ein Mann, der 25 Jahre jünger war als die Frau.

Lebenserwartung und Säuglingssterblichkeit

Das durchschnittliche Sterbealter in Weseke konnte aus dem Status Animarum oder dem Kirchenbuch nicht abgeleitet werden, da dies in dieser Zeit nicht festgehalten wurde. Basierend auf 150 Männern und 150 Frauen wurde dies im gleichen Zeitraum aus dem Sterberegister von Ramsdorf abgeleitet, unter der Annahme, dass dies auch eine Indikation für Weseke ist. Dies entspricht einem durchschnittlichen Sterbealter von 37,5 Jahren bei Männern und 36,3 Jahren bei Frauen. Männer wurden somit durchschnittlich 1 Jahr älter als Frauen.
Die Säuglingssterblichkeit (Tod vor dem ersten Jahr der Lebendgeburten) wurde auf ca. 35% berechnet.
Die prozentuale Lebenserwartung = die Erwartung, ein bestimmtes Alter zu erreichen.

Der bemerkenswerteste Unterschied zur damaligen Zeit ist die Reduzierung der Säuglingssterblichkeit vor dem Erreichen des 1. Lebensjahres auf heutige 0,34%. Das Statistische BA beziffert die Lebenserwartung im Nov 2019 mit 78,5 Jahren für männliche und mit 83,3 Jahren für weibliche Neugeborene.
Im Jahr 2016 waren nach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung BIB ca. 43% der Männer im Alter von 60-80 Jahren gestorben und ca. 42% im Alter über 80 Jahre.
Für dasselbe Jahr lag für ca. 2/3 der Frauen das Sterbealter bei mind. 80 Jahren und ca. 28% erreichten ein Alter von 60 bis 80 Jahren.

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