Das Dorf Weseke Mitte des 18. Jahrhunderts

Teil 2

Fortsetzung und Abschluss der von Frank Gerards aus Drachten in den Niederlanden zur Verfügung gestellten Ergebnisse seiner Analyse des „Status Animarum“, wie die  Bestandsaufnahme der Bevölkerung des Dorfes Weseke aus dem Jahre 1749 genannt worden war.

Im Jahr 1749 wurden 15 Ehen geschlossen (1748 waren dies: 8 und in 1750: 10). In der Literatur wird die durchschnittliche Dauer der Ehe mit ca. 22,5 Jahren im Heiratsalter zwischen 25 und 29 Jahren angegeben. In 1749 wurden in Weseke 21 Mädchen und 22 Jungen geboren. Wenn das Alter der Mutter für ihr erstes Kind auf der Grundlage des Alters des ältesten Kindes in einer Familie berechnet wird, dann beträgt das Durchschnittsalter: 27,6 Jahre mit einer Differenz von etwas mehr als einem Jahr „Innerorts“: 28,3 Jahre im Vergleich zu „Außerorts“: 27,2 Jahre. Die Gesamtzahl ist in Grafik 7 dargestellt. Sie zeigt, dass die jüngste Mutter 16 Jahre alt war und die zwei ältesten Mütter beide 39 Jahre alt waren. Der durchschnittliche Geburtsabstand (= Anzahl der Monate zwischen den Geburten von Kindern) beträgt ungefähr 26,9 Monate.

Die Einstellung zur Ehe hat sich wegen des Rückgangs traditioneller Wertorientierungen verändert. Sie wird zunehmend nicht mehr als Verbindung angesehen, die auf  lebenslange Dauer angelegt ist, und es gilt auch fast als normal, „ohne Trauschein“ zusammenzuleben. In einer Jugendstudie 2015 gaben Befragte zwischen 12 und 25 Jahren an, Heiraten sei ihrer Ansicht nach „in“ (Jungen 42% / Mädchen 51%) oder „out“ (Jungen 58 % / Mädchen 49 %).
(Quelle: Statista 2020)

Im Kreis Borken gab es 2016 pro 10 Tsd. Einwohnern 69 Eheschließungen. Im schlichten Zahlenvergleich war die Quote in Weseke vor 270 Jahren demnach doppelt so hoch. Die durchschnittliche Ehedauer lag 2017 in Deutschland bei 15 Jahren. Seit 1949 werden in Deutschland mehr Jungen als Mädchen geboren. 2018 betrug das Verhältnis 51,3% zu 48,7 % und war damit fast identisch mit den Prozentsätzen von 1749.
2018 waren die Mütter von 48% der Erstgeborenen zwischen 30 und 39 Jahren alt. Bei 3% der ersten Kinder war die Mutter älter als 39 Jahre. Das Durchschnittsalter der Frauen bei der ersten Geburt betrug 30 Jahre. Etwa ein Fünftel aller Frauen eines Jahrgangs bleibt nach Ende der als gebärfähigen Phase geltenden Altersspanne zwischen 15 und 49 Jahren ohne leibliches Kind. 2010 lag der Geburtsabstand zwischen 1. und 2. Kind bei unter 25-Jährigen bei 30 Monaten; zwischen 25- und 29-Jährigen bei 42 Monaten und bei 30- bis 39-Jährigen bei 47,4 Monaten.
(Quellen: Statistisches BA und LWL)

Das Geburtsregister von Weseke zeigt, dass über einen Zeitraum von 8 Jahren (1738-1745) drei uneheliche Kinder geboren wurden. Im Vergleich zu 308 im gleichen Zeitraum geborenen Kindern entspricht dies durchschnittlich 1% an unehelichen Kindern. In der Literatur wurde für eine identische Situation eine Verteilung von 0,86% zu 1,8% verzeichnet.

Übersetzung: Am Montag, den 22 März 1745, wurde die uneheliche Tochter von Anna Elisabeth Schmeinck und des Soldaten Derck Reiners aus Dulmen getauft genannt: Catharina Elisabeth. Bernd Henrich Gerhards und Alken Schmeinck wurden jeweils Pate und Patin dieses Neugeborenen.

Im Jahre 1970 lag der Anteil unehelich geborener Kinder in der alten BRD bei 7,23%. Dieser Anteil hat sich bis 1990 auf 15,23% verdoppelt. 20 Jahre später war mit 33,26% fast eine Verfünffachung zu verzeichnen. 2017 betrug der prozentuale Anteil 34,75%, also in sieben Jahren nur noch rund 1,5% Steigerung; allerdings heißt das auch, dass jedes dritte Neugeborene in dem Jahr nicht miteinander verheiratete Eltern hatte. In den neuen Bundesländern sind gut 71% der Kinder außerehelich geboren. Die größte Veränderung fand zum Ende des alten und zu Beginn des neuen Jahrtausends statt. Mit der Reform des Kindschaftsrechts wurde die rechtliche Position nicht ehelicher Kinder bessergestellt. Seither lassen sich Schwangere und ihre Partner eher mit dem Heiraten Zeit oder verzichten ganz auf den Trauschein.
(Quellen: Statistisches Bundesamt; Statista)

Häuser

Die prozentuale Verteilung der Bevölkerung „innerorts“ und “außerorts“: 32% zu 68% entspricht der Verteilung der 174 Wohnungen auf die gleichen Gebiete: 56 -118.

Der Status Animarum zeigt, dass 126 Häuser (73%) im Besitz des Hauptbewohners waren und 48 Häuser (27%) auf der Grundlage des Namens des Hauses und des Namens des Hauptbewohners gemietet wurden. Die durchschnittliche Einwohnerzahl pro Wohnung betrug 6,9. Innerorts 6,8 und „Außerorts“: 7,0. Die höchste Belegung „Innerorts“ war 16 Personen in Domo Lappers und „Außerorts“ 18 Personen in Domo Coloni Benning. Die geringste Anzahl von Personen in einem Haus war 2 Personen.

Im Status Animarum wird zwischen verschiedenen Arten von Häusern unterschieden

2015 leben rund 54% der Deutschen zur Miete, während 46% Eigentümer ihrer Wohnung/ihres Hauses sind. Single-Haushalte haben einen Anteil von 41,4%; 2 Personen-Haushalte kommen auf 34%, Haushalte mit 3 Personen liegen bei 12%, mit 4 Personen sind es 9% und Haushaltsgrößen darüber haben nur einen Anteil von 3%. Die Eigentümerquote in NRW liegt bei 42%, während rd. 56% Häuser und Wohnungen vermietet sind. Im Kreis Borken haben Privatpersonen 62% Wohneigentum; in der Stadt Borken liegt die Zahl bei 59%, Ende 2019 gab es 1634 Haushalte in Weseke, die aus durchschnittlich 3,1 Personen bestanden.
(Quellen: Statistisches Bundesamt; Min. für …Bau…NRW; Zensus 2011 Borken)

Arbeit
Insgesamt 72 (42%) der 174 Häuser in Weseke beschäftigen ein oder mehrere Dienstmädchen und/oder Knechte.

Bis ins 17. Jh. beschrieb man mit dem Begriff „Das ganze Haus“ einen Personenkreis, der in einem Hause, auf einem Bauernhof gemeinsam lebte und arbeitete. Im folgenden Jh. hatte sich dann das Wort „Familie“ für das frühere „Haus“ eingebürgert. Diese „Familie“ umfasste damals noch Eltern, Kinder (Kernfamilie), dazu evtl. die Großeltern und konnte mit im Haus wohnende unverheiratete Verwandte, Onkel, Tante, Geschwister (Großfamilie) einschließen. Mit dazu zählte man auch das auf dem Hof beschäftigte Gesinde, das auf großen Höfen bis zu 5 Knechten und ebensovielen Mägden stark sein konnte. (Könenkamp, Wolf-Dieter; Bauernfamilie und Gesinde … auf westfälischen Bauernhöfen um 1800; Münster 1989)

In Weseke gab es „Innerorts“ 27 Dienstmädchen und 17 Knechte und „Außerorts“ 63 Dienstmädchen und 47 Knechte, sodass es insgesamt 154 Hilfskräfte in den Häusern und auf den Höfen gab. „Innerorts“ waren 29% aller Hilfskräfte und „Außerorts“ 71% beschäftigt. Mit 56% war der Anteil der Dienstmädchen höher als der der Knechte mit: 44%. Die drei jüngsten Knechte im Alter von 8 Jahren arbeiteten in Aedibus Rusticus Enninck, Aedibus Rusticus Sibbing und Aedibus Nunmarquers. Die jüngsten Dienstmädchen, beide 9 Jahre alt, arbeiteten im Domo Coloni Beijng und in Domo Storms. Der älteste Knecht war 60 Jahre alt und arbeitete in Domo Coloni Benning und das älteste Dienstmädchen war 60 Jahre alt und arbeitete in Domo Coloni Lensing. Das Durchschnittsalter „innerorts“ betrug bei den Dienstmädchen und den Knechten 20 Jahre. Das Durchschnittsalter „außerorts“ betrug bei den Dienstmädchen auch 20 Jahre, während die Knechte etwas jünger waren, nämlich: 17,5 Jahre.

Das Gesinde
Ohne hinreichende Arbeitskräfte war ein Bauernhof nicht zu bewirtschaften. Wo die Zahl der eigenen Kinder nicht genügte (das war die Regel), mußten Knechte und Mägde hinzugemietet werden. In den meisten Fällen stammte das Gesinde aus der nächsten Umgebung, nur selten aus weiterer Entfernung als 10 km. Das Gesinde rekrutierte sich aus den Kindern der Kötter (Kleinbauern) und Heuerlinge; Bauernkinder blieben auf dem elterlichen Hof. Für die Kinder dieser kleinen Leute war die Anstellung als Knecht oder Magd eine Existenzfrage mangels anderer Verdienstmöglichkeiten. Bei einem Überangebot an Gesinde (vor allem an Kindern und Heranwachsenden) konnten die Löhne niedrig gehalten werden. Die Knechte und Mägde waren sich dieser ungünstigen Position wohl bewußt und trachteten bald, den Gesindestatus gegen bessere Verdienst- oder Arbeitsmöglichkeiten einzutauschen. Das Gesindedasein war also kein „Beruf“ sondern nur ein Durchgangsstadium, „die Jugend der späteren Tagelöhner und Heuerlinge“ (P. llisch). Es läßt sich auch an der durchschnittlichen Verweildauer auf einem Hof ablesen, daß es weder Knechten noch Mägden um eine „Lebensstellung“ ging: Auf einem gut untersuchten Hof im Münsterland blieben zwei Drittel des Gesindes nur ein halbes bis eineinhalb Jahre, ein Viertel 2-3 Jahre und nur ein knappes Zehntel länger. Der Umstand, daß das Gesinde in der Regel aus der näheren Umgebung stammte, brachte dem Bauern einige Vorteile. Er kannte das Gesinde oft schon, konnte sich seine Leute sogar aussuchen.
Auf großen Höfen konnte das Personal zahlreich sein; die Tätigkeitsbereiche waren dann entsprechend voneinander geschieden, es bildete sich unter dem Gesinde wiederum eine Hierarchie heraus, die man während seiner „Karriere“ zu durchlaufen hatte. So mochte ein Heuerlingskind mit 10 Jahren wohl als Schweinejunge beginnen und sich dann über den Pferdejungen, Lütgenknecht, Middelknecht zum Baumeister hochdienen (diese Position wurde gelegentlich mit Kindern der eigenen Sozialschicht, also Bauernsöhnen, besetzt). Für ein Mädchen gab es die Möglichkeit, als Küchenmagd, Kinder- oder Kuhwicht zu beginnen, dann folgten Lütgemagd, Middelmagd und Grotemagd. Das Alter, mit dem man diese Dienststufen erreichen konnte, war regional (und individuell) unterschiedlich. 1792 wird aus der Grafschaft Mark berichtet, daß ein Heranwachsender etwa vom 13.-16. Lebensjahr als Pferdejunge, vom 17.-20. Jahr als Kleinknecht diente und nach dem 22. Jahr Großknecht werden konnte. Im Münsterland war das jeweilige Alter offensichtlich höher, das KIeinknechtdasein dauerte länger, Großknecht (Baumeister) konnte man zwischen 26 und 30 Jahren werden. Knechte über 30 Jahren waren überwiegend Familienangehörige.
(Könenkamp, Wolf-Dieter; Bauernfamilie und Gesinde … auf westfälischen Bauernhöfen um 1800; Münster 1989)

Berufe
In den folgenden Tabellen sind alle Berufe und deren Häufigkeit des Status Animarum aufgelistet. Von den meisten sind auch die Namen (der in dem Beruf Tätigen) aufgelistet, aber nicht von großen Gruppen. Diese werden alle im Status Animarum (zusammengefasst) erwähnt.

Tabelle 8 zeigt, dass die Landwirte die größte Anzahl von Dienstmädchen und Knechte beschäftigten (119). Mit durchschnittlich 3,5 sind die beiden Tavernen mit insgesamt 7 Mitarbeitern der relativ größte Arbeitgeber. Die fünf Weber (Textor) und vier Kaufmann (Mercator) machen insgesamt 25 Hilfskräfte aus.

Die bäuerliche Landwirtschaft der damaligen Zeit war sehr personalintensiv, die Anzahl der Beschäftigten auf Weseker Höfen überrascht daher nicht. Waren vor 270 Jahren fast 80% der Arbeitnehmer in Land- und Forstwirtschaft tätig, wird heute für den Borkener Raum nur noch ein Anteil von 4,3% der Erwerbstätigen dafür ausgewiesen. Berufe wie Weber, Schneider oder Schumacher werden in Weseke nicht mehr ausgeübt, der Zimmermannsberuf jedoch gehört mit diversen Tätigkeitsfeldern auch heute noch zu den gut beschäftigten Gewerken und partizipiert kräftig vom derzeitigen Bauboom. Die Anzahl der Gastronomiebetriebe in Weseke hat sich im Verhältnis der gewachsenen Bevölkerungszahl erhöht. Diese haben aber als Dienstleister im Vergleich zu früher eher Probleme, ausreichend qualifiziertes Personal zu gewinnen.

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